Zwei
Herren am Grill: Tim Dinter und Kai Pfeiffer auf Reportage.
"Illustratoren werden von Redakteuren nur
in Ausnahmefällen ernst genommen." Da hat Kai Pfeiffer etwas Wahres festgestellt.
Tatsächlich hat das Zeitungswesen das Foto bevorzugt, seit das Offsetdruckverfahren
eine adäquate Reproduktion gestattete, und in hochglanzpostillen nimmt sich
selbst eine noch so subtile Zeichnung seltsam aus. Doch waren weniger ästhetische
Gründe für die Verdrängung der Zeichnung durch das Foto in den Nachrichtenmedien
verantwortlich als die scheinbare Objektivität, die die Fotografie auszeichnet.
Wer die Wahrheit schreiben will (oder das zumindest behauptet), der möchte
sie auch zeige (oder zumindest gut im Bild simulieren). Da hat das Foto
der auf den ersten Blick erkennbar subjektiven Zeichnung einiges voraus.
Pfeiffers eingangs zitierter Satz stammt aus
dem Vorwort zu einer Gratispublikation namens "Ryke 13", die im Herbst 2000
in Berlin verteilt wurde. Darin stellten sich sechs junge Graphikstudenten
der Kunsthochschule Weißensee vor, die sich zur Gruppe "Monogatari" zusammengeschlossen
hatten, Der Name ist Programm, denn Monogatari bedeutet im Japanischen "Geschichten
erzählen". Die sechs - zwei Frauen und vier Männer sind Comiczeichner, doch
ihren Schwerpunkt haben sie auf ein Genre gelegt, das kaum Tradition hat:
die gezeichnete Reportage. Aus ihren Arbeiten, die in "Ryke 13" nur in Ausschnitte
gezeigt wurden, haben sie im vergangenen Jahr den Band "Alltagsspionage
- Comicreportagen aus Berlin" zusammengestellt.
Der Band, mittlerweile schon in zweiter Auflage
erhältlich, sei allen Lesern empfohlen, die vorgeführt bekommen wollen,
wie gut Comic als Dokumentationsform taugt - gerade weil er so sehr von
der persönlichen Handschrift des Zeichners geprägt ist, entspricht er dem
klassischen Reportagetypus, der ja auch den individuellen Blick des Reporters
und seine Erlebnisse zum Mittelpunkt hat. Und wer eine ganz neue Probe aufs
Exempel verfolgen möchte, der lese von morgen an den neuen Comic der "Berliner
Seiten".
Bei uns hat Pfeiffer ein Forum gefunden, das
seine programatische Feststellung widerlegen will. Gemeinsam mit Tim Dinter,
der die Texte Pfeiffers in Bilder umsetzen wird, hat er die Serie "Der Flaneur"
geschaffen. Doch was heißt das schon: "geschaffen"? Denn vom "Flaneur" ist
bislang nur ein Teil fertig. Die Auftaktfolge etwa, die uns direkt in die
häßlichste aller Berliner Jahreszeiten entführt: den Winter. Denn "Der Flaneur"
- und dieser Titel wie auch der gestelzte Ton, der den Erzähler kennzeichnen
wird, wollen natürlich Assoziationen an die großen Beobachter und Deuter
Berlins aus den zwanziger Jahren wecken - soll sich an unser aller Wahrnehmung
orientieren, und deshalb sind manche Folgen bisher noch gar nicht gezeichnet,
andere wiederum schon. Die Aktualität soll zu ihrem Recht kommen und den
Ablauf der Reihe präge.
Dinter und Pfeiffer haben schon an mehreren
Projekten gemeinsam gearbeitet, prachtvoll produzierte Comics sind darunter
und ganz schlicht hergestellte Heftchen. Sie tanzen auf allen Hochzeiten
des Genres, unter anderem sind demnächst auch zwei Online-Comics von Dinter
zu erwarten, und Pfeiffer wird eine Heftreihe namens "Revue Mondaine" beginnen.
Ihre Berlin-Serie für diese Zeitung aber wird ausbauen, was in ihren solistischen
Comics für "Alltagsspionage" oder der faszinierenden gemeinsamen Reportage
"Alte Frauen" schon angelegt war: kühle Beobachtung unter Einsatz eines
realistischen Strichs, der durch Grautönungen und die Verwendung möglichst
authentisch wiedergegebener Schauplätze eine Hommage an die Fotografie darstellt,
aber dennoch immer die graphische Qualität in den Vordergrund stellt.
Ein schärferer Kontrast zu der heute auslaufenden
Reihe "Kratochvils Welt" von Nicolas Mahler ist also kaum denkbar. Und so
soll in den "Berliner Seiten" wieder einmal durch Gegensätze die Breite
des Ausdrucksspektrums im Comic demonstriert werden. Seit Kat Menschiks
"Weltempfänger" aus dem Herbst 1999 ist dies zudem die erste Serie, die
sich klar auf Ort und Zeit festlegen läßt: Berlin, heute. Sie wird uns Typen
präsentieren, die jeden Tag in der U-Bahn neben uns stehen können, auf den
Parkbänken liegen, beim Türken drängeln oder vor unserer Tür stehen. Und
wer weiß, ob nicht mancher leser selbst vor den Zeichenstift der beiden
Autoren gerät und sich in der Zeitung wiederfindet? Vorsicht also vor männlichen
Mittzwanzigern mit Skizzenblöcken. (Diese Warnung werden die beiden verkraften,
denn gemeinhin haben es Comicreporter leichter als ihre fotografierenden
Kollegen: Die denunzierende Gewalt, die von einem Bleistift ausgeht, wird
immer noch unterschätzt.)
"Die Stärken der journalistisch eingesetzten
Zeichnung liegen nicht in der nüchternen Übermittlung von Nachrichten, sondern
im Magazinjournalismus und Feuilleton, wo es nicht so sehr auf die Information
an sich ankommt als auf den speziellen Blick auf diese, die Haltung und
Sichtweise des Autors", hat Pfeiffer geschrieben. Nun werden wir Gelegenheit
haben, ihn und Dinter an diesen Worten zu messen. Spannende Wochen sind
garantiert, unterhaltsame sowieso. |