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Morgenpost, 02.06.2001 Comicreportagen aus Berlin Studenten der Kunsthochschule Weissensee betätigen sich als "Alltagsspione" von Markus Falkner |
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Comicreporter Kai Pfeiffer und Ulli Lust haben mit ihren Kollegen ein Genre
zwischen Kunst und Journalismus wiederentdeckt. Foto: Falkner Weißensee - Forscher und Entdecker im Großstadtdschungel sind sie, beobachten scharfäugig, kommentieren spitzzüngig die Wirklichkeit. Sie nennen sich «Monogatari». Das ist Japanisch und heißt «Geschichten erzählen», und sie erzählen ihre Geschichten anders als die meisten. Die Comicreporter Kai Pfeiffer und Ulli Lust haben gemeinsam mit Tim Dinter, Jens Harder, Kathi Käppel und Markus Witzel ein Medium wiederentdeckt und neu interpretiert. Jetzt haben die Studenten der Kunsthochschule Weißensee mit dem Band «Alltagsspionage - Comicreportagen aus Berlin» eine erste Sammlung von Arbeiten vorgelegt. Mit kraftvoll verhuschtem Strich zeigt da die 33-jährige Ulli Lust Quengelkinder und genervte Eltern, Brabbelbrüder und «Center-Senioren» auf ihrer Stammbank. Drei Wochen hat sie mit ihrem Skizzenblock im Einkaufstempel Gesundbrunnen-Center gesessen, im «Terrarium des Konsums», wie sie sagt. Von der Unzahl der Eindrücke blieben 24 Seiten konzentrierter Atmosphäre. «Man lernt in dieser Zeit die Figuren kennen und bemerkt die winzigen Veränderungen», sagt Ulli Lust über ihre Beobachtungen im Center. Dabei habe der Comicreporter einen entscheidenden Vorteil gegenüber seinen Kollegen mit der Kamera. «Die Menschen haben viel weniger Scheu vor jemand, der nur mit Block und Stift da sitzt.» |
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"Terrarium des Konsums": Ulli Lust hat im Gesundbrunnen-Center Quengelkinder, genervte Eltern und Center-Senioren verewigt. |
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Diese Erfahrung haben alle Monogatari-Zeichner
gemacht, so sehr sie sich auch in Thema und Stil unterscheiden: Kai Pfeiffer
fängt mit detailverliebter Boshaftigkeit das Leben am Kudamm und der Karl-Marx-Allee
ein. Kathi Käppel gibt in computerhaft reduzierten Bildern das weltentrückte
Treiben in einem Start-Up-Unternehmen in Friedrichshain wieder. Jens Harder
dokumentiert Seite für Seite die Geschehnisse in einer Suppenküche für Obdachlose,
einer Studentenkneipe und einem Nobelrestaurant. Markus Witzel und Tim Dinter
berichten vom Nachtleben und der Wohnungssuche. «Wir wollten beweisen, dass es möglich ist, fast jede Geschichte als Comic zu erzählen», sagt Ulli Lust. Manchmal beklemmend sind diese Geschichten, immer authentisch und bisweilen urkomisch, verdichtete Realität, zum Lachen und Weinen wie das Leben selbst. Die Konzentration auf das Wesentliche, das genaue Hinschauen und die Freiheit der künstlerischen Umsetzung heben die Schwarzweiß-Reportagen vom Comic-Mainstream ebenso ab wie von der oft lärmenden Buntheit der Fernsehbilder. «Wir schauen nach den Dingen, an denen die meisten einfach vorübergehen», sagt Ulli Lust und Kai Pfeiffer fügt hinzu: «Es ist der Blick des Zoologen, der fremdartige Tiere beobachtet.» Dokumentieren wollen die Zeichner, ohne an der Oberfläche zu bleiben, porträtieren, ohne die Distanz zu verlieren, kommentieren, ohne sich zu erheben. Und sie sind überzeugt, dass der Comic dafür ein ideales Medium ist, weil er Text und Bild die gleiche Bedeutung zumisst. Ganz neu ist das alles nicht. Doch seit den preisgekrönten Arbeiten des US-Zeichners Art Spiegelman sind schon einige Jahre vergangen, und die Comicreportage ist im journalistischen Blätterwald ein kleines Pflänzchen geblieben. Trotzdem, oder gerade deshalb finden die Reportagen aus Berlin Beachtung. Im April wurden die sechs Studenten zum renommierten «Comix-Festival Fumetto» in Luzern eingeladen, und die Reaktionen auf die «Alltagsspionagen» waren - O-Ton Ulli Lust - «extrem gut». So gut, dass die Studenten durchaus eine berufliche Zukunft als Comicreporter planen, wenn sie in ein bis zwei Jahren das Diplom in der Tasche haben. «In Deutschland ist das Genre zwar noch ziemlich unbekannt», sagt Kai Pfeiffer, «aber bisher gab es ja auch noch niemanden, der das ernsthaft betrieben hat.» «Alltagsspionage - Comicreportagen aus Berlin» kostet 25 Mark und ist zu beziehen über den Comic-Handel oder das Internet. |
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Tim
Dinter, Jens Harder, Ulli Lust, Kathi Käppel, Mawil, Kai Pfeffer
: ALTAGSSPIONAGE, Comicreportagen aus Berlin monogatari 2001 128 Seiten, sw, 12,50 € |