Welt am Sonntag, 26.08.2001
 
Vom Leben (ab)gezeichnet
In Berlin ist die Avantgarde der Comic-Künstler zu Hause.
Jetzt präsentieren sie sich mit einem eigenen Festival in der Kulturbrauerei


Von Dirk Krampitz

An der Nase erkennt man es: ob ein Comic gut ist oder nicht. "Knollennasenverbot", haben sich die sechs Mitglieder des Comic-Büros "Monogatari" auferlegt. Ihr Name ist Japanisch und bedeutet "Geschichten mit Bildern erzählen". Und unter den zeichnenden Geschichtenerzählern gelten dicke Nasen als einfallslos. "Da hat sich jemand keine Gedanken über die Figur gemacht. Und mit der Nase versucht er dann Charakter einzuhauchen", erklärt Kathi Käppel, 24, von den Monogataris.
      Wer an Comics denkt, denkt noch immer zuerst an Kinder. Doch längst sind die Bildergeschichten eine ernst zu nehmende Gattung geworden, die mit eigenen Stilmitteln Abenteuer irgendwo zwischen Film und Buch erzählt. Der Amerikaner Joe Sacco hat es vor einigen Jahren gezeigt: Seine ernsthaften Reportagen aus Bosnien und Palästina wiesen dem Comic endgültig den Weg aus dem Kinderzimmer. Auf Saccos Spur bewegen sich nun - wenn auch mit viel Humor - die sechs Monogataris. Gerade haben die Studenten der Kunsthochschule Weißensee ihren Sammelband "Alltagsspionage" herausgebracht. Die erste Auflage von 1500 Stück ist bereits ausverkauft - in Comic-Kreisen eine beindruckende Zahl. Für das Buch zog das Sextett los und brachte mit seinen schwarz-weißen Zeichnungen das bunte Leben aufs Papier. Omas im Gesundbrunnen-Center in Wedding, Yuppies in einem Internet-Start-up in Friedrichshain und ein Reiter auf dem Kurfürstendamm. "In Berlin gibt es ein extrem gutes Klima für Zeichner", erklärt die Österreicherin Ulli Lust, 32. "Hier sind die Menschen offener als in Wien." Nicht nur deshalb wird das nächste Projekt der Monogataris, ein Buch names "6 x 6" mit 36 Pin-ups der anderen Art, vom Leben (ab)gezeichnet. Denn die meisten heutigen Comics haben, auch wenn sie ins Surreale abdriften, einen Anker in der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit dankt es ihnen. In Berlin gibt es Galerien, die nur Comics ausstellen, Zeichner wie Lilian Mousli, ©Tom und OL sind mittlerweile nicht nur in der Szene Stars und die aus Berlin stammende Anke Feuchtenberger lehrt inzwischen an der Hamburger Kunstfachhochschule Zeichnen.

Mit dieser starken Lobby im Rücken haben Silke Schmidt und Patrick Wichtler, beide 28, ihren Verlag gegründet und nach dem Brausepulver aus Kindertagen Ahoi benannt. Anfangs noch mit selbst kopierten Büchern - Wichtler jobbt in einem Copy-Shop. Auf Comics verfielen die beiden Kunststudenten in der Kinderbuchwerkstatt der Hochschule der Künste. "Die anderen zeichneten Bienchen und Häschen, wir abgetrennte Körperteile", sagt Patrick Wichtler und setzt entschuldigend hinzu, "unser Humor ist eben eher schwarz". Und so sind seine Comics eben düster, aber schön. Berlin inspiriert - wie auch immer. Hier gibt es die Szene - und vor allem auch Motive. Silke Schmidt hat ihr Skizzenbuch immer dabei. Alles kann ein Motiv sein: Der Mann, der im Bus den Platz nicht frei macht, die Frau beim Hausputz oder der Nachbarshund. "Ich habe Ideen für 20 Hefte im Kopf", sagt Silke Schmidt, "nur die Zeit fehlt."

Auf der Suche nach jungen Talenten zog auch der Ehapa-Verlag, der Asterix, Lucky Luke und die Disney-Comics in Lizenz druckt, Anfang des Jahres nach Berlin. Zeichner wie der Kölner Ralf König ("Der bewegte Mann") kamen schon vorher. Gegen seine "Knollennasen" haben die Monogataris übrigens nichts einzuwenden - die Ausnahme von der Regel. Nun bekommt Berlin sein "1. Berliner Comicfestival".
Vom 6.-9. September gibt es in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg Ausstellungen, Diskussionen, Lesungen, Konzerte und Filme. Viel Geld lässt sich für die Zeichner mit den Comics noch nicht verdienen. "Aber wir sind jung und wollen uns noch selbst ausbeuten", sagt Ulli Lust, "vielleicht wird es später mal." Ganz sicher. Denn die Monogataris haben schließlich keine Knollen, sondern die richtigen Riecher.

1. Berliner Comicfestival in der Kulturbrauerei, 6.-9.9., Knaackstr. 97,
Anmeldung & Karten Tel. 283 39 83
 
Tim Dinter, Jens Harder, Ulli Lust, Kathi Käppel, Mawil, Kai Pfeffer :
ALTAGSSPIONAGE, Comicreportagen aus Berlin
monogatari 2001
128 Seiten, sw, 12,50 €